Tidetable · Nr. 7 · 7. Juni 2026

Die Küchenuhr geht vier Minuten vor

In jedem Haushalt gibt es eine Uhr, die absichtlich falsch geht. Über die kleinen Lügen, die wir uns über die Zeit erzählen, und darüber, warum sie funktionieren.

Von Ilse Marrow · 2 Minuten · Im Web lesen

Die Uhr in meiner Küche geht vier Minuten vor. Ich weiß das, alle, die jemals in der Wohnung übernachtet haben, wissen das, und doch tut sie jeden Morgen ihren Dienst: Ich sehe sie an, sehe, dass ich spät dran bin, beeile mich – und bin pünktlich. Eine Uhr, von der alle wissen, dass sie falsch geht, sollte nutzlos sein. Meine ist der nützlichste Gegenstand im Raum.

Eine Lüge, die funktioniert

Ich habe mich umgehört, und fast alle, die ich kenne, haben so eine Uhr. Meine Schwester lässt die Uhr in ihrem Auto sieben Minuten vorgehen. Eine Kollegin stellt alle Uhren in ihrem Haus zehn Minuten vor – bis auf die im Schlafzimmer, die richtig geht, „damit ich schlafen kann“. Der Bäcker in der Straße hinter dem Markt lässt die Uhr über seinem Ofen seit drei Minuten vorgehen, und das schon seit dreißig Jahren, obwohl er mir nicht sagen konnte, warum.1

Was mich daran interessiert: Die Lüge funktioniert noch lange, nachdem man sie durchschaut hat. Man sollte meinen, wenn ich weiß, dass die Uhr vier Minuten vorgeht, könnte ich einfach vier Minuten abziehen und mich entspannen. Aber so ist es nicht. Das Abziehen kostet Mühe, und in den ersten Minuten des Morgens habe ich keine Mühe übrig. Die Uhr ist schneller als meine Kopfrechnung – und gewinnt deshalb.

Mit der Zeit kann man streiten

Ich glaube, da spielt noch etwas anderes mit hinein. Eine Uhr, die genau richtig geht, ist eine Autorität: Ihr hat man nichts zu sagen. Eine Uhr, die ein wenig falsch geht, ist eine Gefährtin. Sie hat Persönlichkeit. Man kann mit ihr streiten, sie anknurren, ihr verzeihen. Sie gehört auf eine Weise zum Haushalt, wie es die Uhrzeit auf einem Telefon, die sekundengenau stimmt und für alle gleich ist, niemals tun wird.

Öffentliche Uhren sollen richtig gehen, und das sollten sie auch. Ohne sie würde die Fähre nicht funktionieren. Aber die Uhren, die wir zu Hause haben, dürfen uns gehören, und weil sie uns gehören, dürfen sie auf unsere ganz eigene Weise falsch gehen.

Ich habe darüber nachgedacht, meine richtig zu stellen. Ich habe mich dagegen entschieden. Ich wäre für den Rest meines Lebens vier Minuten zu spät.

Anmerkungen
  1. Als man ihn drängte, sagte er, das Brot wisse nicht, wie spät es sei, und er selbst wisse es vor dem Kaffee auch nicht.

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