Tidetable

EssaysNr. 1Kleingedrucktes · Teil 1 von 2

Lob der Fußnote

Die Fußnote als zweite Stimme: die Schreibende widerspricht sich selbst in kleiner Schrift. Eine Verteidigung des leisesten Teils einer Seite.

Von Ilse Marrow2 Minuten364 Wörter

Auch auf: العربيةБългарскиবাংলাCatalàČeštinaDanskΕλληνικάEnglishEspañol (Latinoamérica)EspañolEestiفارسیSuomiFrançais (Canada)Françaisעבריתहिन्दीHrvatskiMagyarBahasa IndonesiaItaliano日本語한국어LietuviųLatviešuBahasa MelayuNederlandsNorsk bokmålPolskiPortuguês (Portugal)Português (Brasil)RomânăРусскийSlovenčinaSlovenščinaSrpskiSvenskaKiswahiliไทยFilipinoTürkçeУкраїнськаTiếng Việt繁體中文简体中文

Die Fußnote hat einen schlechten Ruf, und meistens zu Recht. Hier verstecken Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Argumente, die sie offen auszusprechen fürchten; hier vergraben Anwältinnen und Anwälte die Klausel, auf die es ankommen wird; hierhin zieht sich eine bestimmte Sorte von Romanautorinnen und Romanautoren zurück, um auf Kosten der Lesenden geistreich zu sein.11Ich werde keine Namen nennen. Ihr wisst, was für ein Buch ich meine. Die Fußnoten haben Fußnoten. Wenn Menschen sagen, sie hassten Fußnoten, meinen sie meist, sie hassten es, nach unten ans Seitenende blicken zu müssen und festzustellen, dass das eigentliche Gespräch die ganze Zeit dort stattgefunden hat.

Trotzdem möchte ich die Fußnote verteidigen, denn ich glaube, ihr schlechter Ruf rührt vom falschen Gebrauch her, und der gute Gebrauch zählt zu den kleinen Freuden des Lesens.

Zwei Stimmen

Eine gute Fußnote ist eine zweite Stimme. Der Haupttext spricht im Tempo der Argumentation; die Anmerkung tritt neben ihn und sagt etwas, wofür in der Argumentation keine Zeit bleibt. Eine Quelle. Ein Zweifel. Ein Witz, der den Absatz sprengen würde, erzählte man ihn darin. Die Lesenden können zuhören oder nicht. Genau darum geht es: Eine Fußnote ist der einzige Teil einer Seite, der um Erlaubnis bittet.

Deshalb setze ich meine eigenen Anmerkungen neben den Text statt darunter. Auf einem großen Bildschirm stehen sie am Rand, neben der Zeile, zu der sie gehören, sodass die zweite Stimme im selben Augenblick zu hören ist wie die erste.22Randnotizen sind alt. Mittelalterliche Schreiber und ihre Leser füllten die Ränder von Handschriften mit Korrekturen, Kommentaren und gelegentlich Beschwerden über die Kälte. Auf dem Handy, wo es keinen Rand gibt, wandern sie wieder ans Ende, wie die Anmerkungen in einem Taschenbuch. So oder so hält der Haupttext nie an, um auf sie zu warten.

Eine Regel für Anmerkungen

Ich halte mich an eine Regel, die ich nur mit Absicht breche: Eine Anmerkung darf etwas hinzufügen, aber sie darf nichts retten. Wenn ein Satz seine Fußnote braucht, um Sinn zu ergeben, ist der Satz misslungen und die Anmerkung ein Verband. Die Probe besteht darin, den Essay ohne jede Anmerkung zu lesen. Wenn er dann noch steht, sind die Anmerkungen ein Geschenk. Wenn er umfällt, waren sie ein Gerüst, und ein Gerüst sollte abgebaut werden, bevor jemand einzieht.

So gelesen, ist eine Fußnote ein Vertrauensbeweis. Sie sagt den Lesenden: Hier ist etwas, das ich interessant fand, und ich glaube, dass ihr selbst entscheiden werdet, ob es euch auch interessiert.

Anmerkungen

  1. Ich werde keine Namen nennen. Ihr wisst, was für ein Buch ich meine. Die Fußnoten haben Fußnoten. ↩

  2. Randnotizen sind alt. Mittelalterliche Schreiber und ihre Leser füllten die Ränder von Handschriften mit Korrekturen, Kommentaren und gelegentlich Beschwerden über die Kälte. ↩

Der Rundbrief

Ein Rundbrief, am ersten Sonntag des Monats.

Der neue Essay in voller Länge, zwei oder drei Notizen und sonst nichts. Keine Tracking-Pixel, keine Erfassung der Öffnungen, ein Klick zum Abbestellen.

Oder folge dem Feed mit einem FeedreaderRundbrief ansehen